Ich vergrabe euch im Garten

Diese Tage sind komisch: das meiste passiert nebenbei. Zwischen der Betreuung eines Kindes in Corona Vereinsamung, Schulaufgaben, Mittagessen, ein paar Zeilen schreiben, vielleicht ein paar Versuche Töne einzuspielen, nichts was als Ganzes an einem Stück zusammenkommen kann. Alles muss sich damit abfinden in Schichten zu entstehen, alles ist unterbrochen. Ich versuche an ein Mosaik zu denken, was in unzähligen kleinen Stücken nachher ein sinnvolles Ganzes wird, daran, dass es trotzdem gelingen kann.

Warum trotzdem? Weil ich normalerweise anders arbeite: besessen von einer Idee, immer bis in die Erschöpfung. Ich hasse Pausen. Immer ist es mein Körper, der diese irgendwann nach Stunden im Wahn einfordert. Freiwillig unterbreche ich nichts, was fließt. Sicherlich habe ich den letzten 10 Jahren Mutterschaft schon gelernt mit Kompromissen an dieser Arbeitsweise zu leben. Nur noch von acht Uhr Abends bis vier Uhr morgens zu arbeiten und am nächsten Tag dafür Rechnung zu tragen.

Mutterschaft war für mich immer ein Kompromiss an der Kunst: eine Konkurrenz, zu Malen ein harter Kampf zwischen dem, was ich tun muss, um selbst klarzukommen und was ich diesem so sehr geliebten Kind schulde und schulden möchte, was es mir wert sein soll, weil ich fest davon überzeugt bin, dass aus Kindern genau das rauskommt, was man reingibt. Nichts habe ich darüber mehr gelernt zu verachten als unterbrochen zu werden. Es tut weh. Vor allem, wenn es nicht nötig war.

Tragischerweise entsteht Beziehung genau da, wo es nicht nötig war: kommen zu dürfen, wann man selbst gerade Lust und keine Not hatte. Ich habe das tollste Kind. Nie konnte ich mir vorstellen, einen Menschen so zu lieben, zu achten und zu bewundern. Jede Minute meiner Zeit habe ich hundertfach zurückbekommen und wir sind erst im zehnten Jahr: also der Anfang, eine Ahnung nur von dem, was noch kommt.
Trotzdem: irgendwo muss ich Ruhe finden, ausatmen, auftanken, loslassen, mal nichts von mir erwarten oder bewerten. Und damit willkommen in meinem Garten.



Hier vergrabe ich sie alle: meine Geldsorgen, meine enttäuschten Erwartungen, vergiftete Freundschaften, abwertende Kommentare. Morgens bevor der Tag anfängt, schleiche ich mich aus dem Haus. Niemand bemerkt mein Fehlen. Ich nehme den Bio Müll mit, lasse den Hund zuhause und husche die Straße runter, zwei Minuten nur bis ich in meinem einsamen Garten stehe. Stille. Keine menschlichen Stimmen, niemand, der etwas von mir will. Ein ziemlich perfektes Äquivalent für Freiheit. Nur hier kann ich ganz bei mir sein. So früh am Tag sind alle die Spießer noch im Bett oder auf Arbeit, die die Gärten neben mir pachten und mich in regelmäßigen Abständen bitten, etwas anders oder überhaupt zu machen.

Ich kann mit ziemlicher Gewissheit sagen, keinen Plan zu haben. Weder vom Gärtnern an sich noch von gestalterischen Zügen. Ich komme mir oft eher vor wie die Angestellte des Gartens: ich mache, was ich glaube, was richtig ist, aber habe keine richtige Ahnung, was mein Job eigentlich ist. So fühlte sich bisher auch jede angestellte Beschäftigung für mich an, in irgendeinem Büro: tu so als wüsstest Du, was Du hier tust. Es ist aber auch egal, zumindest in meinem Garten. Ich bin hier und alles zu vergraben.
Umgeben von Geräuschen, die nicht menschengemacht sind, kann ich meinen eigenen Stimmen zuhören. Hier führe ich oft auch laut die Gespräche, die dringend führen muss, aber sonst verdränge: mit meiner toten Mutter und Menschen, an die ich keine Worte mehr verschwende. Manchmal bin ich dabei auch zwei Personen gleichzeitig und führe Dialoge in meinem Kopf während ich alle Gefühle dazu in der Erde vergrabe. 2013 übernahm ich den Garten, das Jahr, indem meine Mutter an Krebs erkrankte und schließlich im Herbst starb. Alle Trauer und alle Tränen darüber sind in diesem Garten vergraben. Hier wachsen Ableger ihrer Blumen neben meinen eigenen Entdeckungen. Hier pflege ich, was sie angefangen hat in ihrem Garten, 300 km entfernt von meinem. Jedes Jahr pflanze ich ihre Cannas und Callas in Kübel und lasse sie sie überdauern. Ich weiß, dass sie das gut findet (kein Konjunktiv. Meine Mutter ist schließlich jeden Tag da und ich unterhalte mich mit ihr).

Nach ihr habe ich alle hier vergraben, die es verdient haben. Ex-Freunde, die zu Tieren mutierten, KollegInnen, die ich hasste, meinen eignen Unmut, meine Enttäuschungen und auch meinen Neid. Alles, was nichts geworden ist und was ich mich noch nicht getraut habe, anzufangen. Und siehe da: überall wuchsen Blumen und heilende Kräuter.

Der Mensch braucht die Erde, um darin seine Last zu vergraben.













Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ganz großes Tennis

Helme + Zitronen Tour Oktober 2019

Kunst gegen das große WIR