Kunst gegen das große WIR

Endlich wieder Zeit für Lesezeichen.

Bei allem Übel, was Corona vor allem meinem Konto beschert, habe ich endlich auch Zeit, Dinge zu tun, für die zu wenig zeit bleibt, wenn ich ständig durch die Lande fahre, um Menschen mit Musik zu erfreuen. 
Diese Lesezeichen verkaufe ich auf Tour und über meinen Bandcamp Shop als Merch. Sie sind auf dem Karton meines ersten Albums mit Aquarell, Salz und Lackstiften entstanden. Heute hatte ich mal eine schwarz-weiß- Kontrast-Phase mit ein bisschen Gold und Silber. Passend zum Wetter dieser Tage, das mir große Rätsel aufgibt.

Das, was doch alles war, was wir ständig gelobt haben als das mit Corona losging! Wenigstens ist DAS WETTER GUT! (als ob man davon allein sich ernähren könne). Heute wird sich zeigen, wer auch bei schlechtem Wetter für das Pflegepersonal auf dem Balkon klatscht. Ich schmeiß dann wieder die Wasserbomben und werfe meinen Nachbarn vor, sie hätten sich lieber am Arbeitskampf der Pfleger:innen beteiligt als jetzt dämlich zu klatschen. Zumal am Balkon vor der Hauptstraße (im REGEN!). 

Irgendwie scheint es, als ziehe Normalität ein in unser Quarantäne-Social-Distance-Maskenpflicht-Leben. Niemand hat mehr Recht Kraft sich zu beschweren. Der erste Mai war ein Traum für Arbeitgeber:innen, weil er fast nur online stattfand und wir alle wissen, was online stattfindet, ist automatisch umsonst. Es ist als hätten wir alle begriffen, dieses Virus-Ding ist größer als alles: Freiheit, Staat und Kapital, Osterhasen und Arbeitskampf. 

Also immer am Sonntag klatschen, jeden Abend brav die Tagesschau, damit man die immer selben Zahlen sieht und die Frage. können wir jetzt mal wieder raus? Dann die Warner, der Vorsprung, der Absprung, die Verschwörer. Es lechzt nach einem neuen Thema. 

Irgendwie kann ich mir das alte Leben gar nicht mehr vorstellen, wo ich jemals nicht Kinder zuhause unterrichtet habe, nebst dem ganz normalen Wahnsinn und das erste Mal in Jahren gezwungen war, mich an die Nähmaschine zu setzen, weil der Kapitalismus versagt hat, mich mit lebensnotwendigen Gütern zu versorgen.

Aber ja, wir haben jetzt alle bewiesen, dass wir im Notfall ziemlich viel können. 

Wir alle mal. 
Wir, die Deutschen mit der geilen Disziplin und dem besten Hygienestandard. 
Wir, die natürlich immer schon besser als alle anderen waren, vor allem Italien und die USA. 
Wir, die wir Herrn Drosten haben, der Corona quasi entdeckt hat. 
Wir, die wir wie immer an Frau Merkels Lippen kleben, wenn die Krise nur schlimm genug ist. 
Wir, die wir vom Balkon klatschen, wo in Italien wenigstens gesungen wird. 
Wir, die wir immerhin das gute Wetter haben. 
Wir, die wir verzichten können: auf Kultur, auf Zeit ohne unsere Kinder, auf Klopapier und Mehl, auf Bewegungsfreiheit, Kneipen und Schwimmbäder. 
Wir, die wir uns unheimlich gut an Regeln halten können, so dass die Polizei über Megaphon nur noch Lob ausrufen kann.
Wir, die das wieder alles schaffen.

Ich, die müde vom WIR ist, weil ich noch nie wusste, wer das sein soll, weil ich das einfach nicht fühle, weil ich mich selten so egoistisch fühle wie in dem Moment, wo jemand meint von mir in einem "wir" sprechen zu müssen. 
WIR, die wir noch immer ganz große Gruppen ausgeschlossen haben aus unserem Kuschel-Wir und genau jetzt Menschen an den EU-Grenzen verrecken lassen, weil WIR endlich eine Ausrede haben, weil es uns endlich schlecht genug geht, dass WIR jetzt mal dran sind. 
Wir, deren WIR seit 45 so derartig und künstlich VON DENEN unterdrückt wird, dass es nach jedem Virus lechzt, der es rechtfertigt, ein WIR zu empfinden. 

Da bleib ich lieber zuhause alleine und male hübsche Bilder in grau auf die Reste des alten Glanzes.
Ganz ohne WIR.

Update 17:50 Uhr: habe beschlossen mich klatschend im Regen auf den Balkon zu stellen mit meinem Schild: Kein WIR ohne mich.










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